Einen Roman zu erzählen – aus dem Nichts, ohne jede Vorgabe. Dieser kühnen Aufgabe haben sich 27 Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 a (im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren) und ich gestellt. Elfmal trafen wir uns wöchentlich für eine Doppelstunde, bis in diesen Februar 2017, am Friedrich Bährens-Gymnasium in Schwerte.

Einen Kniff von Brigitte Bewersdorff, der begleitenden Deutschlehrerin, habe ich mir gern zu Eigen gemacht. Zur ersten Sitzung lud sie jeden der Schüler/innen ein, einen Lieblingsgegenstand mitzubringen. Und ich ließ sie darüber – nein, nicht reden, sondern erzählen: schriftlich, auf einem Blatt Papier. Damit hatte jeder Schüler von Anfang an einen ganz persönlichen Zugang zu dem gemeinsamen Projekt, und die meisten hat der Ansatz über die elf Sitzungen getragen. Vier Monate sind eine lange Zeit für Jugendliche dieses Alters.

Zuhause auf meinem Schreibtisch lag nach jedem Mittwoch ein Packen von siebenundzwanzig Blättern vor mir, in DIN A 4-Format, mit Füller oder Kugelschreiber beschrieben, in einer überwiegend lesbaren Schrift. Auf einem Blatt ertranken fünf Zeilen, andere Schüler schrieben es voll, zwei oder drei Schülerinnen brauchten ein zweites.

Anregende Lektüren: Was diesen Jugendlichen alles im Kopf saß an überraschenden Einfällen! Ich las ihre Texte gründlich, mehrmals. Es war unmöglich, daraus den Faden einer einzigen Fortsetzung zu knüpfen. Zu viele schöne Ideen, um die es wirklich schade gewesen wäre, hätte ich nicht unterbringen können. So ließ ich die einzelnen Geschichten parallel nebeneinander herlaufen, in der Hoffnung, dass sie sich am Ende in einem Zielpunkt träfen. Das setzt eine große erzählerische Erfahrung des beratenden Schriftstellers voraus. Aber mit meinen zahlreichen Romanen im Rücken und mehreren Erzählbänden habe ich es mir zugetraut.

In der folgenden Woche trat ich mit den überarbeiteten Fortsetzungen vor die Klasse. Sie wurden auf Fotokopien ausgeteilt, und die Schülerinnen und Schüler lasen zu Beginn der nächsten Sitzung laut vor, jeweils ihre eigene Version. Jede Schülerin und jeder Schüler hatte also immer den Stand der Geschichte sowohl vor Augen wie im Ohr. Und dann ging’s weiter im Text. Die Ruhe über den Schreibenden, die allmählich einzog in den Klassenraum, war für mich das Kostbarste unserer Doppelstunde.

Und, wie erhofft: Mit der Zeit festigte sich der Grund des Erzählens. Es formten sich Geschichten heraus, die im Alltag der Schüler verankert sind, mit Helden ihres Alters, mit ihren persönlichen Vorlieben und Abneigungen.

Und so ist am Ende tatsächlich der kleine Roman BUNT IST UNSER LEBEN zustande gekommen, von immerhin hundert Seiten. Er ist unsere gemeinsame Geschichte geworden, in einem Klassenraum eines Schwerter Gymnasiums und danach bei mir am Schreibtisch entstanden: die Erfindungen der Schüler in meiner Sprache. Jetzt tritt das Buch vor einen Leser, der von der Art ihres Entstehens nichts weiß, und muss sich behaupten.

Für mich als Schriftsteller sind zwei Gründe maßgebend, warum ich mit Schülern literarisch arbeite (der Schwerter Schulroman ist bereits der achte, seit 2007, der unter meiner Leitung geschrieben worden ist): Es kann den Schülern vermittelt werden, am eigenen Leib, dass es sich beim Erzählen nicht um ein  bloßes Fabulieren handelt, ins Blaue hinein, ohne Ziel und Ende. Für jedes Wort, jedes Motiv, das man niederschreibt, muss gehaftet werden. Wie sollte das für einen jungen Menschen nicht von Nutzen sein, weit über die Literatur hinaus?

Deutlich handfester politisch ist ein anderer Aspekt der literarischen Arbeit von Schriftstellern an Schulen. Die Pflege der gemeinsamen Sprache, die in einem Land gesprochen wird, ist der wichtigste Garant für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, gerade wenn in einem Land nicht mehr konkurrenzlos nur eine „Muttersprache“ gesprochen wird. Sie ist es, jenseits von kulturellen und religiösen Grenzen, die den sozialen Frieden innerhalb des Landes sichert. Nur sie kann das leisten. Und da stehen die Schulen als erste in der Pflicht. Allein schaffen sie das nicht. Es muss ihnen dabei geholfen werden. Von uns allen.

Mein Fazit nach den vier Monaten in Schwerte: Leicht ist diese literarische Arbeit mit Schülern für einen Schriftsteller nicht. Eine große Herausforderung.

Aber immer auch eine Freude, und voller Überraschungen. BUNT WIE UNSER LEBEN.

Michael Zeller

(Weitere Informationen zu dem Schriftsteller Michael Zeller finden Sie unter www.michael-zeller.de)

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